Geschichte Südtirols
Danke an Prof. Rolf Steininger, Institut für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck, für den folgenden Aufsatz über die Geschichte Südtirols. Weitere Informationen zum Autor unter
www.rolfsteininger.at.
1.
1919-1939: Teilung und faschistische Entnationalisierungspolitik
2.
1939-1945: Das Hitler-Mussolini-Abkommen, Option und Krieg
3.
1945-1948: Das Gruber-De Gasperi-Abkommen, das erste Autonomiestatut...
4.
1948-1956: Scheinautonomie und wenig Hilfe von Österreich
5.
1957-1960: Von Sigmundskron zur UNO
6.
Die Attentate
7.
Das "Paket"
8.
"Das deutscheste aller deutschen Länder"
9.
Die Entwicklung bis heute
10.
Schlussbetrachtung
1. 1919-1939: Teilung und faschistische Entnationalisierungspolitik
Es gibt viele willkürlich gezogene Grenzen auf der Welt. Zu den willkürlichsten
gehört wohl jene am Brenner, die das Land Tirol teilt, auch wenn sie
in den vergangenen Jahren immer durchlässiger geworden ist. Seit Anfang
1998 gibt es dort keine Kontrollen mehr: In Durchführung des Schengener
Abkommens wurden die Grenzbalken abmontiert.
Diese Grenze, nur 38 Kilometer südlich von Innsbruck, wurde 1919 im
Friedensvertrag von Saint Germain festgelegt, als Italien der Preis für
seinen Kriegseintritt 1915 an der Seite der Entente ausgezahlt wurde. Trotz
des vom amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson verkündeten
Rechts auf Selbstbestimmung der Völker wurde Italien ein Gebiet zugesprochen,
das seit mehr als fünf Jahrhunderten zu Österreich gehört
hatte und zu 99 Prozent von einer deutschsprachigen Bevölkerung bewohnt
war.
Von nun an gab es eine Südtirolfrage. Die Südtiroler wurden zu
einer Minderheit, und es erging ihnen wie so vielen Minderheiten nach dem
Ersten Weltkrieg: Sie wurden in brutaler Weise unterdrückt.
Ein erster Vorgeschmack auf das, was auf die Südtiroler zukam, waren
die Ereignisse vom 24. April 1921 in Bozen. Dieser Tag ist als "Blutsonntag"
in die Geschichte Südtirols eingegangen. Mit Totschlägern, Pistolen
und Handgranaten bewaffnete "Schwarzhemden" aus den Altprovinzen
kamen nach Bozen und überfielen den anlässlich der Bozner Frühjahrsmesse
stattfindenden Trachtenumzug: Ein Südtiroler wurde getötet, 48
verletzt. Ein Jahr später kam der Faschismus an die Macht. Von nun
an hieß die Parole: Entnationalisierung und Italianisierung Südtirols
um beinahe jeden Preis. Den ideologischen Unterbau dazu hatte
Ettore
Tolomei (1865-1952) geliefert, jener fanatische Nationalist, dessen
große Stunde jetzt kam. Tolomei war von der Idee besessen, dass Italiens
Nordgrenze am Brenner verlaufen müsse. Im Kampf um diese Grenze schreckte
er auch vor grober Geschichtsfälschung nicht zurück: Was für
ihn ursprünglich 'italienisch' gewesen war, musste seiner Meinung nach
wieder italienisch, die 'fremden Eindringlinge' entweder assimiliert oder
vertrieben werden. Er machte aus Südtirol "Alto Adige" –
das "Oberetsch", er hatte schon 1906 das "Archivio per l'Alto
Adige" gegründet, das in zahlreichen pseudowissenschaftlichen
Arbeiten das Recht Italiens auf das Alto Adige beweisen sollte. Er war es,
der die uralten deutschen Ortsnamen durch – oftmals falsches –
Übersetzen oder simples Anhängen italienischer Endungen italianisierte
und der im Jahr 1923 im Auftrag Mussolinis ein Programm der totalen Italianisierung
verkündete, das ihn in den Augen Vieler bis heute zum 'Totengräber'
Südtirols stempelte.
Im Bemühen, die Entnationalisierung voran zu treiben, entwickelten
die Faschisten eine erstaunliche Aktivität; ihrem Einfallsreichtum
schienen keine Grenzen gesetzt: Die Maßnahmen, Verordnungen, Erlässe
und Gesetze folgten Schlag auf Schlag und betrafen fast jeden Lebensbereich
der Südtiroler. Sie setzten dort ein, wo man die Identität eines
Volkes an seiner Wurzel trifft, bei der Sprache. Als Erstes wurde der Name
"Tirol" verboten. Auch alle Ableitungen oder Verbindungen mit
diesem Wort wie "Tiroler", "Südtiroler", "Deutsch-Südtirol"
durften nicht mehr verwendet werden. Einige forderten sogar die Änderung
von Warenbezeichnungen wie "Tiroler Loden" etc. Zuwiderhandlungen
wurden mit Strafen bis zu einem Monat Haft geahndet. Als Reaktion darauf
beschloss der Innsbrucker Gemeinderat, einige Straßen in Innsbruck
umzubenennen und ihnen Südtiroler Städtenamen zu geben. Seit jener
Zeit gibt es in Innsbruck den Südtiroler Platz, den Bozner Platz, die
Brixnerstraße, die Meranerstraße usw. Im Oktober 1923 wurde
deutsch als Unterrichtssprache in den Schulen verboten und italienisch eingeführt.
In den folgenden Jahren wurde die deutsche Volksschule stufenweise abgeschafft
und durch italienische Schulen ersetzt. Etwa 30.000 Schüler in 324
Schulen waren davon betroffen. Aufgelöst wurden auch die deutschen
Kindergärten und die Höheren Schulen, deutsche Lehrkräfte
wurden entlassen oder nach Süditalien zwangsversetzt, italienische
Lehrkräfte aus dem Süden angeworben. Das war die Geburtsstunde
der sogenannten "Katakombenschule" (in Erinnerung an die verfolgten
Christen im Alten Rom), die nachgerade zum Symbol des Südtiroler Widerstandes
gegen den Faschismus wurde: Die Südtiroler entwickelten ein weitverzweigtes,
verbotenes Geheimschulnetz, in dem Männer und Frauen auf Dachböden,
in Kellern und Scheunen den Kindern Deutsch, Lesen und Schreiben beibrachten.
Die 'Lehrer' mussten mit Geld- und Gefängnisstrafen rechnen, im äußersten
Fall mit Verbannung in den Süden Italiens. Die katholische Kirche blieb
damals der einzige Träger deutscher Sprache und Kultur: Auf Grund der
Lateranverträge von 1929 konnte wenigstens der Religionsunterricht
– allerdings außerhalb der Schule – in deutscher Sprache
durchgeführt werden.
Italienisch wurde Amtssprache in der Verwaltung, 1925 auch vor Gericht.
Deutsche Aufschriften wurden verboten, deutsche Familiennamen italianisiert,
die deutschen Tageszeitungen mussten ihr Erscheinen einstellen. Das Vereinswesen
wurde zerschlagen, der wichtige Südtiroler Alpenverein aufgelöst,
sein Besitz, u.a. 77 Schutzhütten, dem Club Alpino Italiano übertragen.
1925 begann man auch damit, die Gemeindeautonomie abzuschaffen. Ein Jahr
später wurden die frei gewählten Bürgermeister abgesetzt
und staatliche Amtsbürgermeister – die Podestà –
eingesetzt. Ab 1927 mussten alle Grabinschriften in italienischer Sprache
abgefasst werden. Öffentliche Bauten wurden in italienischem Baustil
errichtet, 1926 wurde der Grundstein zum – bis heute umstrittenen
– Siegesdenkmal in Bozen gelegt.
Zur faschistischen Politik gehörte auch die Zerstörung der Südtiroler
Wirtschaft und des Bauerntums: Bauernbund, landwirtschaftliche Zentralkasse,
Gewerkschaften und politische Verbände wurden zerschlagen, das Tiroler
Höfegesetz, das die Teilung von Höfen verhindert und die geschlossene
Erbfolge verordnet hatte, außer Kraft gesetzt. Ziel dieser Maßnahme
war die "Eroberung des Bodens". Das Regime wollte die Grundstücke
zerstückeln, um so das wirtschaftliche Leben der Südtiroler Bauern
unmöglich zu machen und Höfe von Bauern zu übernehmen.
Trotz allem: Der von Rom erhoffte durchschlagende Erfolg blieb aus. Man
hatte die Widerstandskraft der Südtiroler unterschätzt, mit der
diese sich gegenüber dem Faschismus behaupteten. Aus den Südtirolern
ließen sich nicht so einfach Italiener machen. Aus der Erkenntnis
der Unzulänglichkeit der bisher praktizierten Politik griffen die faschistischen
Machthaber Mitte der dreißiger Jahre zu einer anderen Methode: Das
neue Stichwort hieß Majorisierung. Durch massenweise Zuwanderung von
Italienern sollten die Südtiroler in ihrer angestammten Heimat zur
Minderheit werden. Damit war man relativ erfolgreich: Gab es 1910 rund 6.950
und 1921 20.300 Italiener in Südtirol, so waren es 1939 bereits 80.800
(bei 234.650 Südtirolern). Majorisierung und industrielle Erschließung
und Durchdringung Südtirols gingen Hand in Hand. Für diese Politik
und auch die Art und Weise, wie damit im Herbst 1935 am Südrand der
Stadt Bozen begonnen wurde, steht die "Industriezone Bozen". Unmittelbar
vor der Ernte wurden rund 50.000 Obstbäume und Tausende von Weinstöcken
abgeholzt. Städtische Großwohnbauten wurden errichtet, die Zahl
der Italiener in der Stadt stieg: von 1.600 (im Jahr 1910) auf 48.000 im
Jahr 1939 (im Jahr 2000: ca. 80.000 bei einer Einwohnerzahl von rund 100.000).
Durch die Errichtung der Bozner Industriezone hinterließ der Faschismus
ein Erbe, das sich weit über den Zweiten Weltkrieg hinaus in fast allen
Lebensbereichen ausgewirkt hat.