So viel wie nötig, so wenig wie möglich
Sind Sie schon einmal zum Schneeschaufeln verdonnert worden? Vielleicht dazu, eine Garagenzufahrt freizuschaufeln, vielleicht auch einen Gehsteig? Mühsam, nicht wahr? Nun nehmen Sie die Mühsal mal 200.000, dann wissen Sie, was der Winterdienst des Landes zu leisten hat. Winter für Winter, auch mit einem Auge auf den Umweltschutz.
Klar ist: Sicherheit geht vor! Vordingliche Aufgabe des Winterdiensts des Landes ist schließlich, für befahrbare Straßen zu sorgen, unabhängig von Schneefällen oder Kälte. Schon dies ist eine Herkulesaufgabe, wenn man bedenkt, dass das Straßennetz in Südtirol 2756 Kilometer umfasst. Eine Straße an die andere gehängt und allesamt gerade gerückt käme man demnach auf Südtiroler Straßen von Bozen nach – sagen wir – Jerusalem. Oder anders: Der Straßendienst mit seinen rund 500 Bediensteten kümmert sich um über 18 Millionen Quadratmeter Straßen, das sind 2527 Fußballfelder, die geräumt und/oder gestreut werden müssen.
Logistik und Umweltschutz
Wer nun glaubt, dass dies zwar alles beeindruckende Daten seien, das Räumen und Streuen von Straßen aber keine Wissenschaft, der täuscht sich, und zwar gewaltig. Und er tut denen Unrecht, die Winter für Winter für unsere Sicherheit auf den Straßen sorgen. „Unser Ziel ist, die Straßen befahrbar zu halten, was schon allein einen riesigen logistischen Aufwand bedeutet“, so Landesrat Florian Mussner, in dessen Zuständigkeit der Straßendienst fällt. Ein Aufwand, der sich nicht allein darauf beschränkt, genügend Männer, genügend Fahrzeuge, genügend Gerätschaften und genügend Salz an den richtigen Stellen im Land bereitzuhalten. „Die Logistik ist nur eine Seite der Medaille, der Umweltschutz im Zusammenhang mit dem Winterdienst eine ganz andere, nicht weniger interessante, gleichzeitig aber auch nicht weniger aufwändige“, so Mussner.
Wenn’s um die Umwelt geht, dann ist weniger die Schneeräumung ein Problem, denn sie ist im Grunde nichts anderes, als Wasser in seinem festen Zustand von der Straße zu schieben. Was sehr viel mehr Gedanken an die Umwelt und deren Schutz aufkommen lässt, ist dagegen die Streuung der Straßen, die dafür sorgt, dass Autofahrer möglichst auch bei niedrigen Temperaturen nicht die Bodenhaftung verlieren. Dafür wird Splitt gestreut oder – noch weit öfter – Salz in allen seinen Formen. „Man muss sich vor Augen halten, dass bei einem einzigen Streudurchgang auf allen Straßen Südtirols rund 361 Tonnen Salz ausgebracht würden“, so der Landesrat.
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...so wenig wie möglich
Damit dieser Salzberg nicht effektiv auf den Straßen (und damit früher oder später in der Natur) landet, kommen Wissenschaft und Hochtechnologie zum Einsatz – und das Leitmotiv: So viel wie nötig, so wenig wie möglich. So zeigen Studien (und die Erfahrung), dass Fahrbahnglätte am besten vermieden wird, wenn man ihr vorbeugt und sie nicht etwa erst bekämpft, wenn sie schon da ist. „Je früher wir die Gefahr erkennen, desto geringer ist auch der Salzbedarf und damit das Schadenspotential für die Umwelt“, so Mussner. Deshalb behält der Straßendienst im Winter nicht nur den Straßenzustand im Blick, sondern intensiv auch das Wetter. Schlägt es um, müssen Straßenwärter und Maschinen schon unterwegs sein.
Doch kommt es nicht nur auf den optimalen Zeitpunkt der Streuung an. Vielmehr muss das Salz, das auf der Straße landet und dort ein Vereisen verhindert, auch in der optimalen Dosis ausgebracht werden, die wiederum von Witterungsbedingungen und Feuchtigkeit, vor allem aber von Luft- und Fahrbahntemperatur abhängt. Wie haben wir uns das nun im Alltag vorzustellen: Tritt der Straßenwärter mit dem Thermometer vor die Tür, misst die Temperatur, setzt sie in Streutabellen ein und braust dann – die entsprechende Dosierung eingestellt – mit dem Streufahrzeug los?
Mitnichten! Streufahrzeuge sind heute High-Tech-Geräte, die viel mehr können, als Salz oder Splitt gleichmäßig auf der Fahrbahn auszubringen. Vielmehr sind moderne Streufahrzeuge mit Infrarotsensoren ausgestattet, die laufend die Fahrbahntemperatur messen. „Schließlich decken wir mit einem Fahrzeug eine Strecke von rund 20 Kilometern ab, eine Strecke also, auf der sich Temperatur und Witterungsverhältnisse auch deutlich verändern können“, erklärt dazu Paolo Montagner, der Chef des Landesstraßendienstes. Die vom Sensor gemessene Temperatur dient dazu, laufend die Streumengen-Dosierung anzupassen – auch dies vollautomatisch. „So stellen wir sicher, dass wirklich nur die effektiv notwendige Menge Salz gestreut wird – aus ökologischen Gründen zuallererst, aber natürlich auch aus ökonomischen“, so Montagner.
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Kochsalz auf der Straße
Am häufigsten auf den Straßen zum Einsatz kommt übrigens Natriumchlorid, nichts anderes also als normales Kochsalz. „Natriumchlorid verfügt über eine hohe Auftauleistung und ist zudem relativ preiswert“, erklärt der Abteilungsdirektor. Zudem ist es leicht zu dosieren und wirkt vergleichsweise lange. „Ginge es allein um die Sicherheit, wäre das Streuen von Salz, allen voran von Natriumchlorid eine absolut optimale Wahl“, so Mussner. Nur: es geht nicht nur um die Sicherheit, sondern eben auch um den Schutz der Umwelt. Salz stört den Nährstoffhaushalt der Pflanzen, richtet schon allein durch den Kontakt mit Pflanzen Schäden an, gelangt in Böden und Grundwasser. „Deshalb haben wir nach einer schonenderen Art und Weise des Salzstreuens gesucht“, erklärt der Landesrat.
...und sie auch gefunden, müsste man anfügen. Gestreut wird in Südtirol nämlich kaum einmal Salz in seiner uns bekannten, festen Form, sondern meist Feuchtsalz, d.h. Trockensalz wird mit einer Salzlauge besprüht. Diese Mischung kann leichter auf die Straßen angebracht werden, wirkt schneller und haftet auch besser auf dem Straßenbelag. „Dadurch vermindern wir Verwehungen und kommen so mit geringeren Mengen aus, ohne all die positiven Eigenschaften des Streusalzes zu verlieren“, so Abteilungsdirektor Montagner. Geringere Mengen Salz bedeuten übrigens auch größere Reichweiten der Streufahrzeuge, womit Zeit, Geld und Abgase eingespart werden.
Kleinstes Umwelt-Übel
Wenn auch immer noch nicht umweltfreundlich, so ist das Streusalz doch das geringste Übel, gepaart mit dem größten Nutzen in punkto Verkehrssicherheit. Und will man diese nicht außer Acht lassen (was man nicht kann), dann gibt es nur eine Alternative, die noch weniger Schäden anrichtet: nicht zu streuen. „Dies ist allerdings eine Alternative, die uns auf viel befahrenen Straßen gar nicht erst zur Verfügung steht: wollen wir Menschenleben schützen, dann ist der Einsatz von Streusalz auf diesen Abschnitten unabdingbar“, erklärt Landesrat Mussner.
Anders sieht die Situation auf schwach befahrenen Nebenstraßen aus, wo auch schon einmal auf auftauende Stoffe verzichtet werden kann. „Allerdings erfordert dies einen hohen Betreuungsaufwand unsererseits, andererseits auch das nötige Verantwortungsbewusstsein der Autofahrer“, so Mussner. Nicht Schwarzräumung ist dann nämlich angesagt, also die vollständige Räumung der Fahrbahn, sondern Weißräumung, das heißt das Belassen einer minimalen Schneeschicht auf der Straße. Mit Ketten kann diese ohne weiteres befahren werden – wenn auch mit der gebotenen Vorsicht. „Es gilt demnach auch, die Autofahrer dazu zu erziehen, den Hausverstand nicht abzuschalten, sobald sie ein Räumfahrzeug sehen“, so der Landesrat.
Der Blick voraus
Ist derzeit die Feuchtsalz-Streuung auch das Optimum, heißt dies doch nicht, dass man nicht weiter forscht. „Es wird an der Entwicklung von neuen, noch umweltfreundlicheren Streumethoden gearbeitet. Derzeit gibt’s aber noch keine wirklich konkreten Ergebnisse dieser Forschungsarbeit“, erklärt Montagner. Zudem denkt man auch noch weiter: „Man kann bereits bei der Planung neuer Straßen dafür sorgen, dass diese mit einem Minimum an Betreuung auch im Winter auskommen, was sich wiederum positiv auf die Umwelt – und langfristig auch auf den Landessäckel – auswirkt“, so Mussner.
Wenn Sie also das nächste Mal die Garageneinfahrt freischaufeln, denken Sie daran: Hinter Ihrem Schaufeln steckt Willens- und Muskelkraft, hinter einer professionellen, noch dazu umweltschonenden Winterräumung aber so viel mehr: Know how, High Tech und eine ganze Mannschaft motivierter, stets einsatzbereiter Straßenwärter...