Stroh im Kopf?
Strohballenhäuser - Zukunftsvision aus längst vergangenen Tagen
Klingt nach einem netten Versuch, so ein Haus aus Strohballen. Ein wenig alternativ, risikoreich sogar? Doch wer ahnt da schon, dass das Bauen mit Stroh genauso alt ist wie das Bauen überhaupt. Der Mensch vermischte Stroh mit Lehm und baute damit die ersten Behausungen.
Auch Reet ist nichts anderes als Stroh. Und das hält lange. Eine Tatsache, die zumindest die zahlreichen gut erhaltenen und bis zu 500 Jahre alten Reetdächer beweisen.
Häuser aus Strohballen zu bauen war erst mit der Erfindung von Maschinen möglich, die gepresste Ballen herstellen konnten. Sehr schnell nachdem diese neue Technik die Landwirtschaft Ende des 18. Jahrhundert stark vereinfachte, begann die Ära der Strohballenhäuser. Farmer in Kalifornien, die auf Ihren riesigen Getreidefeldern nichts anderes hatten als Stroh, kamen als erste auf die Idee - und machten aus der Not eine Tugend.
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Schule aus Strohballen -
Quelle: www.stroh-unlimited.de |
Dass der Strohballenbau auch in Europa Befürworter fand, zeigen einige Häuser, die vorwiegend in Frankreich nach dem ersten Weltkrieg gebaut wurden. So wurde 1921 das älteste und noch bewohnte Strohballenhaus in Montargis, nahe Orléans errichtet.
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ältestes Strohballenhaus in Frankreich |
Mit der Industrialisierung verschwand das Interesse am Strohballenbau und erst mit der alternativen Hippiebewegung Anfang der 60iger Jahre in den USA wurde das alte Wissen wieder neu entdeckt.
Da wie schon knapp 70 Jahre früher die Vorteile bezüglich des Wohnklimas noch mit niedrigen Baupreisen und der minimalen Umweltbelastungen einher gingen, wurden in manchen amerikanischen Bundesstaaten sogar im amtlichen Bauregelungen Paragraphen erlassen, wie mit Strohballen zu bauen sei.
Diese hat bis heute Gültigkeit und zahlreiche Bauten in Übersee zeigen dass der Faszination am Bauen mit Strohballen stetig wächst. In Europa mangelt es nicht am Interesse, jedoch häufig an den landesüblichen Zulassungen und Bestimmungen, so dass hier vielerorts noch Pionierarbeit zu verrichten ist.
Doch warum reagieren wir so belustigt, wenn wir von solch einem Baustoff lesen? Was sind die Vorurteile, mit denen sich unser Strohballen „rumschlagen“ muss?
„Stroh brennt“ - wer schon einmal versucht hat ein Telefonbuch anzuzünden, der wird bemerken, dass dieses Vorurteil nicht der Wahrheit entsprechen kann, denn die gepresste Form läst keine Luft hinzu. Ein Luftzugang ist jedoch für eine Verbrennung Vorraussetzung.
„Stroh schimmelt schnell“ - da bereits seit dem frühen Mittelalter Stroh im Herbst unter die Äcker gepflügt wurde und es den Boden bis in den kommenden Frühling auflockern konnte, muss damals schon bekannt gewesen sein, dass dieser Stoff gar nicht so schnell wegschimmelt, wie man ihm allgemein hin andichtet. Auch zeigen die zahlreichen alten Strohballenhäuser und die noch viel älteren Reetdächer, dass dieser Stoff bei weitem nicht gleich den Schimmelpilzen zum Opfer fällt.
Studien aus dem Jahr 2006 zur prognostizierten und tatsächlichen Schimmelproblematik bei Strohballenhäusern zeigten, dass die Ballen bei diffusionsoffenen (atmungsaktiven) Wandaufbauten zu keinerlei Schimmelbildung neigten.
„Stroh wird schnell von Insekten und Nagern befallen“ - das einzige bekannte Strohballenhaus, was jemals befallen wurde, stand in Amerika und wurde von Termiten heimgesucht. Nachdem man das Haus abbaute stellte sich heraus, dass die Termiten „nur“ das Holz der Tragkonstruktion gefressen hatten und keinerlei Interesse am Stroh fanden. Da Getreide heute von hochwerten Maschinen geerntet wird, bleibt fast kein Restkorngehalt im Stroh und damit im Ballen. Wobei das Stroh mit seinem hohen Silikatgehalt als Nahrung ohnehin sehr unattraktiv ist, kommt neben der kaum vorhandenen Chance auf das ein oder andere Korn noch die schwere Arbeit sich durch einen obligatorischen Maschendraht und anschließend durch eine unappetitliche Telefonbuchgleiche Masse zu nagen. Dies macht das Strohballenhaus für Nager und Insekten äußerst unattraktiv.
„Strohhäuser halten nicht lange“ - ist ein Argument, was angebracht wird nachdem man nachdenklich durch verregnete Wiesen wanderte und den ein oder andern Strohballen im Nassen liegen sah. Das natürliche Stoffe tatsächlich nicht nass werden dürfen ist allen bekannt und ringt der Gefahr des Feuchteeintrags den nötigen Respekt ab. Wenige fragen sich allerdings, wie sich konventionelle Baustoffe bei Feuchtigkeit verhalten, denn auch sie gehen kaputt. Und was noch schlimmer ist , ist, dass sie nicht wie natürliche Stoffe die Feuchte aufnehmen und abtransportieren können, nein sie stehen im Wasser und können nichts dagegen tun, als immer mehr in sich zusammen fallen.
Dagegen müssen Strohballen wie alle natürlichen Stoffe vor Feuchtigkeit geschützt werden doch sind sie wie eine homogene Wand, mit unzähligen Fasern, die die Feuchtigkeit weit verteilen und somit Bauschäden und Probleme lange bekämpfen können.
„Warum wir nicht alle mit Strohballen bauen?“, dass frage ich mich auch und doch hat der Strohballenbau immer noch eine Nischenstellung, die er getrost verlassen könnte. Zahlreiche Bauten zeigen, dass Stroh als vollkommen CO2-neutraler und 100prozentig ökologisch und überaus preiswerter Baustoff mehr sein kann als die Einstreu im Stall. Es fehlen nicht die Möglichkeiten es fehlt der Mut, die alten Stoffen mit dem neuen Wissen einzukleiden und damit konventionellen Baustoffen mehr als nur das Wasser zu reichen. Bildlich gesprochen.
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Passivhaus aus Strohballen in Südtirol
Quelle: www.atelierwernerschmidt.ch |
dreigeschossiges Strohballenhaus in Siebenlinden
Quelle: www.fasba.de |
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Strohballenhaus England
Quelle: www.amazonails.org.uk |
Strohballenhaus England
Quelle: www.amazonails.org.uk |

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Nähere Informationen zum Thema unter www.biokonstrukt.com.
Der Verfasser Dipl. Ing. (BA), Baubiologe IBN, Sachverständiger für Schimmelpilzschäden und Energieberater, lebt seit zwei Jahren in Südtirol und betreibt eine baubiologische Beratungsstelle in Percha.
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