Umweltsanierungsarbeiten in Südtirol
1. HINTERLASSENSCHAFTEN ALTER INDUSTRIEN
1.1 Große Flächen für die Industrie
Zwischen den beiden Weltkriegen hat der italienische Staat die Ansiedlung einiger großer Produktionstätigkeiten in der so genannte „Industriezone Bozen“ gefördert. Dies hatte große Auswirkungen auf die urbanistische Struktur der Stadt Bozen. Zudem entwickelte sich eine Arbeiterbevölkerung in der Hauptstadt. Die angesiedelten Betriebe erreichten auf nationaler und europäischer Ebene eine bedeutende Stellung insbesondere hinsichtlich der Quantität und der Qualität der Produktion und aufgrund des idealen Handelsstandortes.
Insbesondere hat sich der Industriebetrieb „Magnesium“ auf einer Fläche von rund 15 Hektar auf der rechten Seite der Buozzistraße ausgedehnt und erzeugte durch die Bearbeitung des Dolomitminerals, Magnesiumlegierungen. Der Industriebetrieb „Alumix“ nahm links der Buozzistraße eine Fläche von rund 20 Hektar ein. Er produzierte Aluminium aus dem Kriolith. Die heute noch bestehende Eisenhüttenindustrie der „Stahlwerke“ hingegen hat ihre Tätigkeit auf die Erzeugung von Sonderstählen, auf einer Fläche von rund 5,5 Hektar nördlich der Voltastrasse, begründet.
1.2 Wiedergewinnung der alten Gewerbegebiete
Aufgrund der stark wachsenden Konkurrenz und des Anstiegs der Erzeugungskosten hat ein großer Teil der beschriebenen Industriebetriebe zwischen den Jahren 1990 und 2005 die Tätigkeit eingestellt oder reduziert. Infolgedessen besteht der Betrieb „Magnesium“ nicht mehr, die „Alumix“ hat die Gewerbefläche reduziert und gleichzeitig haben die „Stahlwerke“ die Richtung eines spezialisierten Betriebes angenommen.
Die wieder zur Verfügung stehenden Flächen wurden von der Autonomen Provinz Bozen enteignet. Es wurde ein Wiedergewinnungsplan der Produktionstätigkeiten eingeleitet, um die Ansiedlung von Handwerks-, Handelsbetrieben, kleineren und mittleren Industriebetrieben zu ermöglichen.
1.3 Stark verschmutzte Flächen
Um die neuen Flächen zu erschließen und zuweisen zu können, musste vorerst die von den alten Produktionstätigkeiten verursachte Verseuchung der Böden durch eine Bodensanierung, beseitigt werden. Die damalige Umweltverschmutzung ist wohl auf ein vormals mangelndes Umweltbewusstsein und die fehlenden Umweltschutzgesetze zurückzuführen. Die Böden waren verseucht, weil Produktionsschlaken auf den umliegenden Flächen der Fabriken eingegraben worden waren, weil man Öle jeglicher Art im Unterboden versickern lassen hatte und weil verseuchte Materialien abgelagert wurden. Der Betrieb „Magnesium“ hat Bikalziumsilikat teilweise an der Oberfläche und teilweise unterirdisch gelagert, gleichzeitig erhebliche Mengen von Schlacken der „Stahlwerke“ übernommen, so dass die ganze Fläche um die Fabrik verseucht war.
Die „Alumix“ hat Fluoride, die von den Öfen für die Erzeugung des Aluminiums stammten, in den Boden gestreut, wobei fest toxische Asbestschlacken und bis zum Grundwasser versickerte Kohlenwasserstoffe hinzugesetzt wurden.
Die Verseuchung der Böden um die „Stahlwerke“ ist somit auf die Zerstreuung von Schlacken, Ölen und Schwermetallen zurück zu führen.
1.4 Untersuchung und Behandlung für die Böden
Aufgrund der neuen Umweltschutzgesetze wurde durch eine genaue Bodenuntersuchung und viele Analysen der Materialien eine Mappe der Verbreitung der Verseuchung erarbeitet, der so genannte Charakterisierungsplan. Anschließend wurde das Sanierungsprojekt mit allen für die Bonifizierung der Boden und des Grundwassers notwendigen Maßnahmen erarbeitet.
Auf allen beschriebenen Gewerbegebieten, insbesondere bei den Betrieben “Ex Magnesium” und “Ex Alumix”, wurden die verseuchten Materialien ausgehoben und nach Art und Konzentration der Verseuchung getrennt. Anschließend gab es eine Siebung mit Trennung des feinen noch verseuchten Materials und des groben reinen Materials. Dann wurde das Material je nach Art der Verseuchung zu den unterschiedlichen Deponien transportiert. Die Böden wurden, falls notwendig, Waschbehandlungen unterzogen. Das Grundwasser wurde durch Aufpumpen der Öle gereinigt.
Für die „Stahlwerke“, die noch in Betrieb sind, wurden nur teilweise Sanierungsarbeiten durchgeführt. Die Kosten hierfür wurden zum Teil vom vorherigen Eigentümer Falk und zum Teil von der Landesverwaltung getragen.
Insgesamt wurde auf den behandelten Zonen eine Erdbewegung von rund 400.000 Kubikmeter Material durchgeführt; zwei Drittel davon wurden entsorgt und der restliche Teil wieder verwendet.
1.5 Pro Quadratmeter Sanierung 164 Euro an Ausgaben
Für die sanierten Flächen hat das Landesamt für Abfallwirtschaft eine Bonifizierungsbescheinigung ausgestellt. Diese Bescheinigung bestätigt die vollständige oder fast vollständige Sanierung gemäß Parameter der Industriegebiete bzw. der Wohngebiete
Gleichzeitig konnte durch die Überwachung mit geeigneten Piezometerbrunnen festgestellt werden, dass das Grundwasser wieder trinkbar war.
Für eine Gesamtfläche von rund 26 Hektar, die bonifiziert wurden, belaufen sich die Sanierungskosten auf rund 44 Millionen Euro. Das entspricht einem Einheitspreis von 164 Euro pro Quadratmeter.
2. EIN HÜGEL VOLLER SPEZIALABFALL
2.1 Schicht um Schicht zum Müllhügel
Die Altlast Müllhügel „Bozen Süd“ befindet sich in der Handelszone Bozen-Süd auf der orografisch linken Seite des Eisack. Der Müllhügel „Bozen Süd“ wurde im Jahre 1950 als Sondermülldeponie für Bauschutt und Aushubmaterialien errichtet, ohne dabei die in der heutigen Zeit erforderlichen und gesetzlich vorgeschriebenen technischen Maßnahmen zum Umweltschutz wie Baisabdichtungen, Sickerwasserfassungen usw. zu ergreifen. In den folgenden Jahrzehnten wurden Inertmaterialien, Schlacken aus der Bozner Industriezone und andere Sonderabfälle abgelagert. Die letzten Ablagerungen wurden in den Jahren 1989/90 in Form von Aushubmaterial aus dem Kompostwerk getätigt. Die vom Abfallberg besetzte Fläche betrug rund 1,5 Hektar. Das abgelagerte Gesamtvolumen belief sich auf rund 300.000 Qubikmeter.
2.2 Sanierung des Müllhügels „Bozen Süd“
Im Rahmen eines umfassenden Sanierungsprojekts wurde der Müllhügel vollständig abgetragen. Dabei wurde das Material je nach Verschmutzungsgrad sortiert. Anschließend wurde das gering verschmutzte Material auf der Ex-Deponie Sigmundskron in eigens dafür errichtete Becken gebracht. Das stärker verschmutzte Material wurde außer Landes transportiert und dort fachgerecht entsorgt.
2.3 Kosten von elf Millionen Euro
Die Sanierungsarbeiten wurden im März 2006 begonnen und Anfang 2008 abgeschlossen. Die Kosten für die Sanierungsarbeiten beliefen sich auf rund elf Millionen Euro. Das Gelände das nach der Sanierung zur Verfügung steht, wird an die Bietergemeinschaft, die die Arbeiten durchgeführt hat, veräußert. Dafür erhält die Landesverwaltung rund neun Millionen Euro.
3. DIE MÜLLDEPONIE VON SINICH
3.1 Sieben Hektar verseuchtes Material
Die Mülldeponie von Sinich wurde zwischen 1995 und 1996 eingerichtet. Die dort ansässige Firma Montedison hat auf einer Fläche von sieben Hektar verseuchtes Material abgelagert, welches nun auf der neuen Deponie sachgerecht und den Bestimmungen entsprechend gelagert werden konnte.
3.2 Einzige geschlossene Deponie
Die Mülldeponie Sinich ist die einzige geschlossene Deponie in Südtirol. Dies bedeutet, dass das verseuchte Material direkt vor Ort entsorgt werden kann und nicht abtransportiert werden muss.
Die Deponie hat eine Länge von rund 400 Metern und wird durch eine Stützmauer von der östlichen Gewerbezone Sinich abgegrenzt. Rund 130.000 Kubikmeter verseuchte Materialien wurden im künstlichen Becken entsorgt, wobei eine eigene Kontrollanlage laufend dessen Undurchlässigkeit überprüft.
Die Gesamtkosten für die Errichtung dieser Mülldeponie belaufen sich auf 5,6 Millionen Euro. In Kürze wird ein Schutzwall errichtet, der die Deponie längs der Ostkante vor Steinschlag schützen soll.
4. DIE „CESARE BATTISTI“ KASERNE IN WELSBERG
4.1 Zehn unterirdische Treibstofftanks
In der „Cesare Battisti“ Kaserne in Welsberg war bis zum Jahre 1990 das Bataillon „Trento della Tridentina“ des italienischen Heers untergebracht. 1999 wurde das Areal der Autonomen Provinz Bozen übergeben.
Im Jahr 2005/2006 wurden im Zuge der Abrissarbeiten der Kaserne zehn unterirdische, auf das ganze Areal verteilte, Treibstofftanks für Heizöl und Flüssiggas gefunden.
4.2 Viele Bohrungen und Analysen
Da im Umfeld von zehn der genannten unterirdischen Treibstofftanks eine Verunreinigung des Untergrundes mit Mineralölkohlenwasserstoffen festgestellt wurde, hat das Landesamt für Bauerhaltung folgende zusätzliche Untersuchungen angefordert:
- 6 Kern- und 33 Mikrobohrungen
- Boden- und Grundwasseranalysen
- Messung des Grundwasserstandes
- Pumpversuch
- Definition des Abfallkodex mittels Bodenprobe stark kontaminierten Materials
4.3 Material wird ausgekoffert
Die Ergebnisse der Untersuchungen haben bestätigt, dass das verunreinigten Material in Deponien für „nicht gefährlichen Abfall“ gelagert und als Abdeckungshorizont auf diesen verwenden werden kann. Die durch das Auskoffern des verunreinigten Materials entstehenden Gruben können in einem zweiten Schritt bis maximal einen Meter über dem Grundwasserspiegel mit dem vorhandenen Bauschutt des Abbruches aufgefüllt werden. Zwischen dem Grundwasserhöchststand und dem Bauschutt wird bis zu einer Breite von einem Meter sauberes Bodenmaterial eingebracht.
Das Amt für Abfallwirtschaft wird die Bonifizierung des Areals überwachen und die erforderlichen Kontrolluntersuchungen durchführen.
Das ehemalige Militärareal soll, nach Beendigung der Bonifizierungsarbeiten, der Gemeinde übergeben werden, die dieses als Wohnbauzone nutzen möchte.
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Ein Interview mit
Landesrat Dr. Florian Mussner |
1. Das Land hat im Bereich Bodenverseuchung viele Situationen bereinigt. Wie viel ist dafür bis heute Geld ausgegeben worden?
Bis heute wurde allein in die Sanierung der verseuchten Gebiete in Bozen 44 Millionen Euro investiert. Dazu kommen noch fünf Millionen Euro, die für die Mülldeponie Sinich ausgegeben wurden.
2. Hat man die Firmen, die diese Bodenverseuchungen verursacht haben auch belangt? Sind diese zur Kasse geboten worden?
Die Firmen, die die Verseuchung der Böden verursacht haben, wurden vor Gericht geklagt. Es wurde ein Schadenersatz in der Höhe der Sanierungskosten verlangt. Leider wurde bis heute kein konkretes Ergebnis erreicht.
Im Zusammenhang mit der Bonifizierung der Zone Aluminia 3 hat sich das Land abgesichert. die Bezahlung der Enteignungsvergütungen wurde; bis die definitiven Sanierungskosten feststehen, gestoppt.
3. Gibt es was die verseuchten Industrieböden anbelangt in Südtirol noch viel aufzuarbeiten?
Die verseuchten Böden befinden sich in erster Linie auf den Arealen ehemaliger Industriebetriebe in Südtirol. Leider waren während der aktiven Zeit dieser Industrieanlagen die heutigen, strengen Umweltschutzgesetze noch nicht in Kraft. Deshalb gibt es in Südtirol in Punkto verseuchte Industrieböden noch viel zu tun. Die Flächen, auf denen sich die Stahlwerke von Bozen befinden, können z.B. derzeit noch als verseuchtes Gebiet bezeichnet werden. Wir arbeiten im Bereich der Umweltsanierungen eng mit dem Landesamt für Abfallwirtschaft zusammen. Dieses bestimmt die Gebiete, welche in Südtirol als verseucht gelten.